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Kaval
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Kaval (tĂŒrkisch kaval, serbisch, mazedonisch, bulgarisch ĐșаĐČал kawal, rumĂ€nisch caval) bezeichnet hauptsĂ€chlich lange randgeblasene LĂ€ngsflöten (Endkantenflöten), darĂŒber hinaus regional auch Kernspaltflöten und allgemein Flöten unterschiedlicher GröĂe aus Holz, die in der Volksmusik der TĂŒrkei und der LĂ€nder auf dem Balkan, namentlich in Bulgarien, RumĂ€nien, Nordmazedonien, Albanien, Montenegro und Serbien gespielt werden. Nach ihrer Herkunft gehören die randgeblasenen kaval zum Typus der Hirtenflöten, die weiter östlich ĂŒber Armenien (blul) bis nach Zentralasien (tĂŒidĂŒk der Turkmenen) verbreitet sind.
Die langen einteiligen kaval entsprechen nach ihrer GröĂe der in klassischen Musikstilen eingesetzten orientalischen nay, die jedoch aus Pflanzenrohr besteht. Ebenfalls verbreitet sind dreiteilige LĂ€ngsflöten. In Bulgarien werden meist dreiteilige randgeblasene Flöten mit bis zu 90 Zentimetern LĂ€nge gespielt. In der TĂŒrkei gehören neben den einteiligen randgeblasenen Flöten (dilsiz kaval) von 30 bis 80 Zentimetern LĂ€nge auch Kernspaltflöten (dilli kaval) in Ă€hnlichen GröĂen zur Musiktradition der Hirten.
Als Hirtenflöte steht die kaval in zahlreichen VolkserzĂ€hlungen in einer mythischen Beziehung zwischen dem Hirtentum und der SphĂ€re des Göttlichen sowie in einer magischen Verbindung vom Flötenklang ĂŒber die menschliche Stimme zur jenseitigen Welt.
Contents
âą Etymologie
âą Bulgarien
âą Griechenland
âą Albanien
âą TĂŒrkei
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Etymologie
Im TĂŒrkischen bezeichnet kaval nicht nur alle Arten von SchĂ€ferflöten, sondern auch Röhren in auĂermusikalischen ZusammenhĂ€ngen, also hohle GegenstĂ€nde mit zylindrischer Bohrung wie etwa Röhrenknochen. In entsprechend umfassender Bedeutung kommt kaval in anderen westtĂŒrkischen Sprachen wie Gagausisch und Krimtatarisch (SchĂ€ferflöte khoval) vor. Schreibvarianten sind goval und kabal, wie die SchĂ€ferflöte in der nogaischen Sprache heiĂt. Im Aserbaidschanischen hat qaval die weitere Bedeutung âRahmentrommelâ und entspricht Persisch daf.cite-ref-2[2] Das Wort kaval wurde, seiner Verbreitung nach zu urteilen, offenbar in Anatolien gebildet; es ist vom Wortstamm *kav, entsprechend *kov, âhohlâ, abgeleitet. Die tĂŒrkische Wortzusammensetzung kaval kemiÄi (wörtlich âhohler Knochenâ) wird als âWadenbeinâ und kaval tĂŒfan (wörtlich âröhrenartige Flinteâ) als âGewehr mit glattem Laufâ ĂŒbersetzt. Eine Parallele zu kaval ist latein tibia, das âSchienbeinâ und zugleich âFlöte, Pfeifeâ bedeutet. In slawischen Sprachen ist eine weitere Parallele das von protoslawisch *piĆĄÄalŃ, âPfeife, Flöteâ und âSchienbeinâ, abgeleitete Wortumfeld, zu dem polnisch piszczaĆka (âSchienbeinâ) und piszczel (âPfeifeâ), bulgarisch pistalka (ein Name der SchĂ€ferflöte swirka) und slowenisch piĆĄÄĂĄl (âPfeifeâ und âSchienbeinâ) gehören.cite-ref-3[3]
Im TĂŒrkischen mit kaval verbundene Wörter sind kovlik und kovuk (âhohlâ) sowie in einer daraus hervorgegangenen, verĂ€nderten Bedeutungcite-ref-4[4] kavlamak (â[Haut oder Rinde] abschĂ€lenâ), kavuk (âRinde [die abgeschĂ€lt werden kann]â) und kavak (âPappelâ, deren Rinde leicht zu schĂ€len ist). Kaval kommt in weiteren westtĂŒrkischen Sprachen vor, etwa als baschkirisch kaval (âetwas Hohlesâ), tschatagaisch khaval (âSchĂ€ferflöteâ und âHöhle, Verschlag, Sack, hohle Formâ) und wird auch von den Turkmenen in Iran verwendet. Aus dem TĂŒrkischen abgeleitet sind Griechisch ghavĂĄl, cavĂĄli, kavali (âFlöteâ) und RumĂ€nisch caval.cite-ref-5[5]
Ein anderer, hĂ€ufig wiederholter Versuch, kaval auf die arabische Wurzel qâwâl (âsprechenâ, qaul, hiervon abgeleitet qawwali, âRednerâ, daraus âVerkĂŒnderâ, ein sufischer Gesangsstil) zurĂŒckzufĂŒhren,cite-ref-grundtvig-6-0[6] steht jenseits der linguistischen Ebene auch in einer assoziativen Verbindung mit der Flöte. In vielen Kulturen gilt der Klang der Flöte als der menschlichen Stimme besonders nahestehend. Nach bulgarischem traditionellen VerstĂ€ndnis besitzen Musikinstrumente ein der Sprache analoges Ausdrucksvermögen und haben eine Stimme (glas). In Legenden und Volksliedern treten Musikinstrumente mit der FĂ€higkeit zu singen und zu sprechen auf. Viele bulgarische Lieder enthalten Phrasen wie âkavalut sviri, goviriâ (âwenn die kaval spielt, spricht sieâ). Sie verweisen auf eine magische Bedeutung der Flöte als âSprachrohrâ des Hirten, dem sie ein lebenslanger Begleiter ist.cite-ref-7[7]
Einer wegen mehrerer Zwischenstufen zweifelhaften Hypothese zufolge soll sich kaval ĂŒber kavalos â kavlos â khaulos vom altgriechischen aulos (αáœÎ»ÏÏ) herleiten. Einen vergleichsweise weiten Weg durch mehrere Sprachen durchlief der Name der auf den griechischen Inseln vorkommenden Sackpfeife tsambouna, der ĂŒber italienisch zambogna, lateinisch symphonia auf altgriechisch symphonia (ÏÏÎŒÏÏÎœÎŻÎ±) zurĂŒckgeht.cite-ref-8[8]
FĂŒr die randgeblasenen LĂ€ngsflöten in der Ă€gyptischen Volksmusik existieren anstelle der ansonsten ĂŒblichen arabischen Bezeichnungen schabbaba und nÄy eine verwirrende Anzahl von nach Region, GröĂe oder musikalischer Verwendung unterschiedlicher Namen, zu denen salÄmÄ«ya, suffÄra, baladÄ« und kawal(a) gehören. In den 1930er Jahren wurde lediglich die lĂ€ngere nÄy von der kĂŒrzeren salÄmÄ«ya mit sechs Grifflöchern unterschieden. Mitte des 20. Jahrhunderts hieĂ eine kleine Flöte kawal, die eine Oktave höher als die salÄmÄ«ya gestimmt war. AuĂerdem sollten kawal und Êżuqla die Namen von Flöten sein, die besonders zum Spielen trauriger Melodien geeignet seien.cite-ref-9[9] Heute ist in Ăgypten eine randgeblasene Rohrflöte mit sechs Grifflöchern ohne Daumenloch, die vor allem in der religiösen Musik der Sufis, madÄ«h an-nabawÄ«, zum Lobpreis des Propheten Mohammed verwendet wird, als kawala bekannt.cite-ref-10[10]
Herkunft und Verbreitung
Flöten gehören zu den Ă€ltesten Musikinstrumenten und wurden in Europa zeitgleich oder frĂŒher als Schraper, Schwirrhölzer und GefĂ€Ărasseln wahrscheinlich schon im MittelpalĂ€olithikum verwendet.cite-ref-11[11] Am Anfang standen Eintonflöten, gefolgt von Knochenflöten und Grashalmflöten mit Grifflöchern. Die Abbildung einer LĂ€ngsflöte auf einer altĂ€gyptischen Prunkpalette aus der zweiten HĂ€lfte des 4. Jahrtausends v. Chr., die in Hierakonpolis gefunden wurde, wird in den Zusammenhang mit Jagdmagie gestellt, denn sie zeigt den Flötenspieler als Fuchs verkleidet, wie er wilde Tiere anlockt. Von jener Zeit bis zur Sage vom RattenfĂ€nger von Hameln ist die Flöte ein magisches Lockinstrument und wird bei der Jagd verwendet. Allgemein sind Flöten bis heute mit ĂŒbernatĂŒrlichen Vorstellungen verbunden; allein um den Victoriasee in Ostafrika hatten Flöten (wie die aus einem PflanzenstĂ€ngel gefertigte ludaya) ein BĂŒndel von magischen Aufgaben: Sie sollten unter anderem Regen machen, Sturm verhĂŒten, den Milchfluss der KĂŒhe anregen und Lebensspender fĂŒr den vergöttlichten Herrscher sein.cite-ref-12[12] FĂŒr eine Ethnie ostafrikanischer Rinderhirten darf die Schilfrohrflöte ibirongwe nur von Jungen und MĂ€nnern gespielt werden und hat bei manchen Zeremonien (Beschneidungen) eine magische Funktion. Im Nahen Osten erscheint die Flöte zuerst bei Schafhirten der Sumer um 2600 v. Chr. Dort und generell in Asien sind beidseitig offene LĂ€ngsflöten seit jeher in der Mehrheit, wĂ€hrend in Europa vom Neolithikum bis ins 18. Jahrhundert hĂ€ufiger Kernspaltflöten vorkamen.cite-ref-13[13]
Nicht eine spezifische Bauart, sondern die Verankerung einer Gesellschaft in einer pastoralen Tradition macht deren Flöte zu einer Hirtenflöte. Ăblicherweise sind Hirtenflöten einfach herzustellen, sie werden entweder solistisch oder in kleinen Ensembles gespielt. Mehrere Eintonflöten ergeben gebĂŒndelt eine Panflöte, die in Homers Epos Ilias als Hirteninstrument und Attribut des griechischen Hirtengottes Pan eingefĂŒhrt wird. In der griechischen Mythologie verbindet die Flöte die Hirtenkultur mit der göttlichen SphĂ€re. Der römische Dichter Ovid greift in den Metamorphosen beide Aspekte der Flöte auf, wenn er von der keuschen Nymphe Syrinx erzĂ€hlt, die vor dem sie liebenden Pan flieht und auf eigenen Wunsch am Fluss in Schilfrohr verwandelt wird. Pan hört den klagenden sĂŒĂen Klang des Schilfrohrs und fertigt aus ungleich langen Abschnitten des Rohrs eine Panflöte, auf der er seine Lieder blĂ€st, getragen von der Vorstellung, nunmehr mit Syrinx vereint zu sein.cite-ref-14[14]
Bis ins Erwachsenenalter wird in der hinduistischen Ikonografie Gott Krishna mit derselben Querflöte (bansi) dargestellt, mit der er in seiner Kindheit die Kuhhirtinnen (Gopis) betörte. In der klassischen indischen Musik gespielte Flöten sind seit altindischer Zeit ausschlieĂlich Querflöten,cite-ref-15[15] wĂ€hrend in den klassischen Stilen des islamischen Orients die LĂ€ngsflöte nÄy vorherrscht. Am geographischen Ăbergang reprĂ€sentiert im SĂŒden Pakistans die lange LĂ€ngsflöte narh einen einfachen Flötentyp orientalischer Herkunft, der hauptsĂ€chlich zur Liedbegleitung verwendet wird. Die in der TĂŒrkei ĂŒbliche Unterscheidung zwischen dem Volksmusikinstrument kaval und der ney als Flöte der Kunstmusik ist nicht mit dem Namen verbunden. In Iran gehört die ney hauptsĂ€chlich zur klassischen persischen Musik;cite-ref-16[16] Ă€hnlich in der arabischen Musik, in der sie von der in der Volksmusik gespielten schabbaba unterschieden wird. Dagegen ist in Usbekistan die kleine Rohrflöte nay eine SchĂ€ferflöte, die in manchen lĂ€ndlichen Regionen zusammen mit der Maultrommel chang kobus, der Langhalslaute dombra und der Rahmentrommel doira das einzige traditionelle Instrumentarium bildet.cite-ref-17[17] In Afghanistan wird die SchĂ€ferflöte nay nur von Amateurmusikern und die Maultrommel tschang nur von Frauen in der Volksmusik gespielt.cite-ref-18[18]
Die Ă€ltesten Abbildungen aus vorislamischer Zeit im östlichen Zentralasien (im Königreich von Hotan), die Musikinstrumente zeigen, sind in das 2. oder 3. Jahrhundert datierte Terrakottafiguren von Affen, die LĂ€ngsflöten, Panflöten und weitere Instrumente spielen. Andere Terrakotten und Malereien im westlichen Zentralasien belegen Ă€hnliche Musikinstrumente einschlieĂlich LĂ€ngs- und Querflöten. Aus dem Gebiet Baktrien (in islamischer Zeit Tocharistan) ist eine im 7. Jahrhundert hergestellte Silberschale ĂŒberliefert, die eine Bankettszene mit einem Flöte spielenden Affen darstellt; ein Motiv, das auf indischen Einfluss zurĂŒckgefĂŒhrt wird und bereits im sumerischen Mesopotamien vorkam. Ein Rollsiegel aus Ur zeigt einen Affen, der auf einem Berg sitzt und eine LĂ€ngsflöte spielt.cite-ref-19[19] Im Unterschied zu den ĂŒberlieferten Darstellungen sind archĂ€ologische Funde von Musikinstrumenten aus derselben Zeit in weit geringerer Zahl vorhandenen. Die Fundobjekte sind vor allem lĂ€ngsgeblasene Knochenflöten und Flöten aus Ton, etwa aus der in Tadschikistan gelegenen AusgrabungsstĂ€tte Bundschikat.cite-ref-20[20] Die Abbildungen belegen eine sich vom Iranischen Hochland im westlichen Zentralasien wĂ€hrend der Herrschaft der Parther bis zur Mitte des 1. Jahrtausends mit der Ausbreitung des Buddhismus entlang der SeidenstraĂe einhergehenden Weitergabe von Musikinstrumenten wie Harfen, Lauten und Flöten nach China.cite-ref-21[21]
In umgekehrter Richtung ĂŒbte das westliche Zentralasien vom 11. bis zum 16. Jahrhundert einen bedeutenden Einfluss auf die Musik des Nahen Ostens aus. So steht etwa der fĂŒr die tĂŒrkische Volksmusik in Anatolien charakteristische Gesang uzun hava mit Gesangsstilen zentralasiatischer Turkvölker und der Mongolen in Verbindung: unter anderem mit dem ut dun der KalmĂŒcken, dem uzun kĂŒi der Baschkiren, dem özen kĂŒi der Tataren und auĂerdem mit dem hora lungÄ in RumĂ€nien.cite-ref-22[22] Zu den in dieser Region vorkommenden, langen randgeblasenen Hirtenflöten gehören neben der kaval die blul in Armenien, die bilĂ»r der Kurden, die kurai der Baschkiren, die tsuur im Westen der Mongolei, die tĂŒidĂŒk der Turkmenen und die wie die tĂŒidĂŒk zwischen den SchneidezĂ€hnen gehaltene sybyzgy (sibizga) mit vier bis sechs Grifflöchern der Kasachen.cite-ref-23[23]
AuĂer diesem Flötentyp gelten Obertonflöten, die keine Grifflöcher besitzen, als typische Hirteninstrumente. In SĂŒdosteuropa sind dies vor allem die tilincÄ in RumĂ€nien und die koncovka in der Slowakei. Der in Europa am weitesten verbreitete Hirtenflötentyp sind LĂ€ngsflöten mit sechs Grifflöchern, die aus weichen Hölzern (Weiden-, Haslnuss- oder Holunderzweigen) oder hĂ€rteren Holzarten hergestellt werden. Auf dem Balkan werden sie meist randgeblasen (kaval), daneben kommen in SĂŒdosteuropa einige Kernspaltflöten vor, darunter die fujara und die pĂĆĄĆ„ala (allgemein âFlöteâ) in der Slowakei sowie die fluier cu dop, die caval und die Doppelflöte fluier gemÄnat in RumĂ€nien.cite-ref-24[24]
Bauform und Spielweise
RumÀnien und Moldawien
Die Musik beider LĂ€nder kann bis zu den Geten und Dakern zurĂŒckgefĂŒhrt werden, deren Lebensgrundlage auf Landwirtschaft und Rinderzucht basierte und die in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten unter dem Einfluss griechischer Missionare und nach der Eroberung durch das Römische Reich zum Christentum konvertierten. Die Volksmusik wird wesentlich durch die Feste des christlichen Jahreskalenders und eine bis heute bewahrte pastorale Tradition geprĂ€gt. In Wandmalereien an Kirchen erscheint die Flöte von SchĂ€fern gespielt hĂ€ufig in Szenen zur Weihnachtsgeschichte, so an der Kirche des Klosters Humor von 1530 und der Doamnei-Kirche in Bukarest aus dem Jahr 1683. In Psalm 150 werden die GlĂ€ubigen zum Lob Gottes âmit Saiten und Flöte (caval)â aufgefordert.cite-ref-25[25]
Die Flötentypen in RumĂ€nien und der Republik Moldau heiĂen allgemein fluier; die meisten gehören zur Musik der Hirten und Bauern und werden von Amateurmusikern gespielt. Die Musikinstrumente der SchĂ€fer werden nach ihrer Verwendung eingeteilt in Signalinstrumente, speziell die Holztrompete bucium (der ungarischen fakĂŒrt Ă€hnlich), und Melodieinstrumente. Als caval wird hauptsĂ€chlich eine lange Kerbflöte bezeichnet, die entweder aus einer 50 bis 90 Zentimeter langen Röhre aus Platanenholz mit sechs Grifflöcherncite-ref-26[26] oder mit fĂŒnf Grifflöchern, die in Gruppen zu zwei und drei angeordnet sind, besteht.
In den Regionen Dobrudscha und Muntenia ist die caval eine beidseitig offene, dreiteilige LĂ€ngsflöte mit acht Grifflöchern im mittleren Teil und vier weiteren Löchern im unteren Teil, die der bulgarischen kawal Ă€hnelt und als caval dobrogean (âDobrudscha-cavalâ) oder caval bulgÄresc bekannt ist.cite-ref-grundtvig-6-1[6]
Mit der caval werden lyrische Lieder (doina) und TĂ€nze begleitet.cite-ref-27[27] Einer der sonntags aufgefĂŒhrten RundtĂ€nze (horÄ) wird Hora din caval genannt. In diesem Tanz ĂŒbernimmt eine Violine den Part der Flöte und nĂ€hert sich deren Klang bis zur Imitation einer in einem FlĂŒsterton sprechenden Stimme an.cite-ref-28[28]
Bulgarien
Die bulgarische Volksmusik wird in sechs Kulturregionen eingeteilt, die sich teilweise aufgrund der frĂŒheren Isolation von manchen nur schwer zugĂ€nglichen und im Winter abgeschiedenen Bergregionen unabhĂ€ngig entwickelten. Einem umfassenden Kultureinfluss unterlag das Land durch die fĂŒnfhundertjĂ€hrige osmanische Herrschaft, die von etwa 1400 bis zur UnabhĂ€ngigkeit 1908 dauerte. Einen entscheidenden Einfluss auf die Kultur hatte die nationalistische Bewegung der bulgarischen Wiedergeburt, die zu einer Sammlung und Erforschung der traditionellen und ânationalen Musikâ (narodna muzika) fĂŒhrte.cite-ref-29[29] Ein bedeutender Vertreter dieser Bewegung war der RevolutionĂ€r und Autor Georgi Rakowski (1821â1867), dem es in seiner Schrift Pokazalets (Odessa 1859) darum ging, die bulgarischen Volkskulturerzeugnisse und BrĂ€uche auf einen antiken Urgrund zurĂŒckzufĂŒhren. Bei der kawal hob er die Verwurzelung in der Hirtentradition hervor. Er pries ihre praktische Verwendung als Hilfsmittel, um die Herde ĂŒber die Weide zu treiben und das Flötenspiel als Ausdruck der Sehnsucht des einsamen Hirten nach seiner Familie.cite-ref-30[30]
Der im Volksglauben verwurzelten Gleichsetzung vom Klang der Musikinstrumente und der menschlichen Stimme â die Flöte spielt, also spricht sie â steht die Musizierpraxis mit einer strikten Geschlechtertrennung gegenĂŒber. Die instrumentale Volksmusik ist in Bulgarien eine Sache der MĂ€nner, wĂ€hrend bis heute ĂŒberwiegend Frauen die Gesangstradition pflegen. In der Musik setzt sich die traditionelle lĂ€ndliche Arbeitsteilung fort: MĂ€nner zogen mit ihren Herden ĂŒber die Weiden, wo sie die offene LĂ€ngsflöte kawal oder die Kernspaltflöte duduk spielten, wĂ€hrend sorgfĂ€ltig nach ihrer Tonhöhe ausgewĂ€hlte Kuhglocken (zwantsi) erklangen. In einem Lied heiĂt es: âEr spielte auf einer lieblichen kawal, eine silbrige zwantsi begleitete ihnâ. Frauen waren fĂŒr die gemeinschaftliche, von Liedern begleitete Feldarbeit und den Haushalt zustĂ€ndig. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts fertigten die Bauern ihre Musikinstrumente selbst an.cite-ref-31[31]
Bauform
Die beliebtesten Melodieinstrumente in der Volksmusik sind die kawal und die Sackpfeife gajda. Als kawal werden mehrere Hirtenflöten bezeichnet. Der Ă€ltere Typ, zjal kawal (ŃŃĐż ĐșаĐČал), ist eine einteilige lange LĂ€ngsflöte. Heute wird die kawal in ganz Bulgarien aus drei Teilen hergestellt: kawal ot tri tschasti (ĐșаĐČал ĐŸŃ ŃŃĐž ŃаŃŃĐž). Die dreiteilige kawal mit einer GesamtlĂ€nge von 60 bis 90 Zentimetern wird auf der Drechselbank aus Pflaumenholz, Kornelkirsche oder Buchsbaumholz angefertigt. Das Holz muss wegen der relativ geringen WandstĂ€rke eine hohe Festigkeit besitzen, weshalb Weichhölzer ungeeignet sind. Es gab zwar frĂŒher aus Weichholz gefertigte, lange einteilige SchĂ€ferflöten wie die dzamĂĄra im Epirus, in deren Röhre aber beim Transport HartholzstĂ€be eingeschoben werden mussten, um sie vor dem Zerbrechen zu schĂŒtzen. Ein zweiter Grund, weshalb die einteiligen langen Flöten verschwanden ist, dass sich fĂŒr die Hirten auf ihren Wanderungen unbequem zu transportieren waren. FĂŒr die Herstellung waren als technische Voraussetzung die im 16. und 17. Jahrhundert im Handwerk ĂŒblich gewordenen hochwertigen Schneidmesser erforderlich, aber die handwerklich gefertigte dreiteilige Flöte verbreitete sich vermutlich erst im 18. Jahrhundert.cite-ref-32[32]
Die dreiteilige kawal besitzt im mittleren Teil sieben annĂ€hernd Ă€quidistante Fingerlöcher und ein Daumenloch sowie vier weitere Schalllöcher (duschnitsi oder dyawolski dupki, âTeufelslöcherâ) im unteren Teil, die nicht mit den Fingern abgedeckt werden, aber den Klang verbessern. Die akustische LĂ€nge wird bis zum ersten Schallloch gemessen. Der Grundton der meisten bulgarischen kawal ist d. Bei einer beispielhaften LĂ€nge einer d-Flöte von 64,5 Zentimetern betrĂ€gt die akustische LĂ€nge 52 Zentimeter. Die akustische LĂ€nge bestimmt den tiefsten Ton, wenn alle Grifflöcher geschlossen sind. Dividiert durch den inneren Rohrdurchmesser von 16 Millimetern ergibt sich in diesem Fall der Quotient 40. Der Tonumfang beider kawal-Typen (und der frĂŒher in Zentralbulgarien vorkommenden dreiteiligen Kernspaltflöte duduk) betrĂ€gt mit zweifachem Ăberblasen drei Oktaven. Der Quotient LĂ€nge:Durchmesser ist das MaĂ fĂŒr die Spielbarkeit der Obertöne. Je kleiner der Quotient, desto leichter sind die tiefen Töne, je gröĂer, desto leichter sind die Töne der oberen Register produzierbar.cite-ref-33[33] Nach diesem MaĂverhĂ€ltnis teilt Laurence Picken (1975) die endgeblasenen tĂŒrkischen kaval in kurze Flöten mit einem relativ groĂen Innendurchmesser (fundamental flutes, âGrundtonflötenâ) und lange Flöten mit einem engen Innendurchmesser (harmonic flutes, âObertonflötenâ) ein.cite-ref-34[34] Wegen ihres warmen und weichen Klangs, den der Musiker durch Anblasen in schrĂ€ger Position erzeugt, wird die Flöte auch meden kawal (âHonig-kawalâ) genannt. An den Verbindungsstellen sind helle Ringe aus Bein, hartem Kunststoff oder Metall eingelegt, die ein AusreiĂen des Holzes verhindern sollen und zusammen mit eingeritzten Querrillen als Verzierung dienen.cite-ref-35[35]
Neben der kawal gilt die kleinere Kernspaltflöte swirka als Hirtenflöte. Swirka ist daneben die allgemeine Bezeichnung fĂŒr die bulgarische Flötenfamilie, zu der auch eine dwojanka genannte einteilige Doppelflöte gehört. In den westlichen Rhodopen an der sĂŒdlichen Landesgrenze werden paarweise gespielte LĂ€ngsflöten vom Typ der einteiligen Flöte zjal kawal tschift kawĂ li (ŃĐžŃŃ ĐșаĐČалО) genannt. Bei den stets gleich gestimmten Flöten spielt ein Musiker die Melodie, der andere ergĂ€nzt einen Bordunton oder folgt seltener der Melodie unisono.cite-ref-36[36]
Spielweise
Bei der fĂŒr alle randgeblasenen Hirtenflöten typischen Spielweise blĂ€st der Spieler einen Luftstrom gegen den oberen angeschrĂ€gten Rand des etwas schrĂ€g nach unten gehaltenen Flötenrohrs. Im Unterschied zu einer Kernspaltflöte benötigt es viel Erfahrung, um durch VerĂ€nderung des Blasdrucks, der Lippenstellung und der Neigung des Rohrs alle Töne und Klangvarianten der Flöte spielen zu können. Durch einen stĂ€rkeren Blasdruck gelangt der Spieler in das zweite oder dritte Register. Im Prinzip lassen sich alle Töne der chromatischen Tonskala hervorbringen. Schwierigkeiten bereiten lediglich die Töne dis1 und dis2, fĂŒr die das unterste Griffloch mit dem kleinen Finger der unteren Hand halb abgedeckt wird, auĂerdem die Töne c2 und cis2. HierfĂŒr muss der Spieler die Töne h1 bzw. d2 greifen und den Anblaswinkel verĂ€ndern.cite-ref-37[37]
Mit einem schwachen Blasdruck erklingen die tiefen Töne, mit einem stĂ€rkeren die Oktaven. Eine besondere Art der Tonerzeugung dieses Flötentyps ist ein bestimmter mittelstarker Blasdruck, mit dem ein gerĂ€uschhafter mehrstimmiger Ton erzeugt wird. Dabei ist zusammen mit dem Grundton die Oktave und die Duodezime zu hören. Da der Grundton bei dieser Blastechnik leicht erhöht ist, also das Intervall nicht genau einer Oktave entspricht, entsteht ein spezifischer rauer Klang, der in Bulgarien mit dem aus dem TĂŒrkischen stammenden Wort kaba (âgrobâ, âdickâ) bezeichnet wird. Die frĂŒher in Bulgarien ĂŒberwiegend geblasene kaba-Spielweise entsprach einem Klangideal, mit dem sich der bulgarische â wie der tĂŒrkische â kaval-Spieler von den Amateurmusikern mit ihren hoch tönenden kurzen Kernspaltflöten (dĂŒdĂŒk) abgrenzte. Der âgrobeâ Klang gilt als geeignet fĂŒr die Volksmusik und kommt bei der ney in der klassischen arabischen Musik nur gelegentlich als Klangeffekt vor, wenn der Musiker ein Solo mit lang gehaltenen Tönen spielt. Im Arabischen heiĂt diese Spielweise muzdawiǧ (âdas paarig Geordneteâ, weil zwei Töne zusammenklingen, auch die Bezeichnung einer Gedichtform). In der TĂŒrkei wird der âgrobeâ Klang etwa bei der lauten Langhalslaute kaba saz, die im Freien gespielt wird, von der in geschlossenen RĂ€umen gespielten Kunstmusik der âdĂŒnnenâ, âfeinenâ ince saz unterschieden.
Bei der kaba-Spielweise entstehen akustische Schwebungen, die in mehreren Musikstilen auf dem Balkan von Bedeutung sind. In Bulgarien gehört dies zu einem mehrstimmigen Gesangsstil, bei dem ein oder zwei SĂ€nger eine Melodielinie verzieren und weitere SĂ€nger einen schwebungsreichen Bordunton hinzufĂŒgen. Der Musikethnologe Gerald Florian Messner (1980) prĂ€gte fĂŒr diese auch in SĂŒdalbanien und im Epirus vorkommende GesangsĂ€sthetik den Begriff Schwebungsdiaphonie. In Albanien werden SĂ€nger besonders geschĂ€tzt, wenn sie auf diese Weise mit einer âdicken Stimmeâ (albanisch zĂ« tĂ« trashĂ«) vortragen. In Griechenland wird Volksmusikinstrumenten eine âdicke Stimmeâ (griechisch chondrĂ fonĂ) attestiert, die sich wie die Sackpfeife, die Kegeloboe (zournĂĄs) und die groĂe Zylindertrommel (daoĂșli) fĂŒr das Spiel im Freien eignen.cite-ref-38[38]
Die Begleitmusik fĂŒr VolkstĂ€nze ist entweder instrumental oder vokal. Die SĂ€ngerinnen oder die mĂ€nnlichen Musiker stehen in der Mitte der Tanzgruppe.cite-ref-39[39] Instrumentalensembles, die bei Hochzeiten zur Begleitung von Kreis- oder ReigentĂ€nzen (horo, Ń
ĐŸŃĐŸ) auftreten, bestehen aus mehreren kawal und Streichlauten gadulka oder mehreren Sackpfeifen gajda oder einer kawal und einer in osmanischer Zeit eingefĂŒhrten Zylindertrommel tapan oder einer kawal, einer gajda und einer gadulka oder einer gajda, einer kaval und einer tapan. Wie im gesamten Balkan sind ferner Ensembles aus zwei Kegeloboen zurna und einer tapan beliebt. Bei der kleinen griechischsprachigen Minderheit der Sarakatsanen an der SĂŒdgrenze und bei den Walachen werden Lieder mit Begleitung der kawal gesungen.cite-ref-40[40] Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurden Volksmusikensembles aus mehreren (zunĂ€chst zwei bis fĂŒnf) Instrumentalisten zusammengestellt. Dies war eine Erleichterung fĂŒr den Musiker, der zuvor allein bei Festveranstaltungen zur Tanzbegleitung lange Zyklen und möglichst laut spielen musste.cite-ref-41[41]
Die kawal ist traditionell ĂŒberwiegend ein Soloinstrument. In der bulgarischen Geschichtsschreibung wird hervorgehoben, dass auch in der âdunkelsten Periode der bulgarischen Geschichteâ â gemeint ist die osmanische Herrschaft â die Bevölkerung an ihrer eigenen Sprache und ihren Traditionen festhielt. Die nationale Geschichte wurde im 19. Jahrhundert besonders in Liedern ĂŒber die Heiducken (gesetzlose Banden, die gegen die TĂŒrken kĂ€mpften) beschworen. Die RĂŒckbesinnung auf die nationale Kultur Ă€uĂert sich in verĂ€nderlichen Formen bis heute. Nach dem Zweiten Weltkrieg richtete die sozialistische Regierung in nahezu jedem Dorf ein koledtivi, ein Kollektiv fĂŒr Volksmusik ein, in dem sich regelmĂ€Ăig Amateurmusikgruppen trafen und stets in Trachten musizierten. Bei solchen Veranstaltungen kam die Musik der nationalen Minderheiten ĂŒblicherweise nicht vor. An staatlichen Feiertagen, beispielsweise am 9. September, dem Jahrestag der sozialistischen Revolution (1944), fĂŒhrten landesweit in den StĂ€dten Kinder VolkstĂ€nze vor. In Sliwen trat bei solchen AnlĂ€ssen ein Orchester mit 100 kawal-Spielern auf.cite-ref-42[42] Beim alle fĂŒnf Jahre in Kopriwschtiza stattfindenden nationalen Folklorefestival und bei vergleichbaren Veranstaltungen stehen fĂŒnf Instrumente, in manchmal in einem Ensemble vereint werden, fĂŒr die typische bulgarische Volksmusik: kawal, Sackpfeife gajda, Streichlaute gadulka, gezupfte Langhalslaute tambura und Zylindertrommel tupan.cite-ref-43[43]
Der international bekannteste bulgarische kawal-Spieler ist der Jazzmusiker Teodosij Spasow (* 1961). Stojan Welitschkow (ĐĄŃĐŸŃĐœ ĐДлОŃĐșĐŸĐČ, 1930â2008) spielte bulgarische Volksmusik, Christo Mintschew (Đ„ŃĐžŃŃĐŸ ĐĐžĐœŃĐ”ĐČ, 1928â2012) war ein kawal-Spieler und Stimmenimitator.
Griechenland
Durch die Umsiedlung der griechischen Bevölkerungsgruppe aus dem sĂŒdlichen Bulgarien (ehemalige osmanische Provinz Ostrumelien) in die nordgriechische Region Thrakien in der Folge des Vertrags von SĂšvres 1919 haben sich in den dortigen Regionalbezirken Serrescite-ref-44[44] und Evroscite-ref-45[45] lĂ€ndliche Musiktraditionen erhalten, zu denen die kavali (entspricht der bulgarischen kawal), die Sackpfeife gajda und die Zylindertrommel daouli (in Bulgarien tapan) gehören. Viele der aus Bulgarien, Ostthrakien und Kleinasien eingewanderten griechischen FlĂŒchtlinge grĂŒndeten in Thrakien neue Dörfer und pflegten die Tradition ihrer Heimatregion weiter. Bis weit nach der Mitte des 20. Jahrhunderts bewahrten die durch schlechte Verkehrsanbindungen und endogame Heiratsregeln abgeschotteten Dörfer eine eigene kulturelle IdentitĂ€t mit unterschiedlichen VolkstĂ€nzen, Liedern und BrĂ€uchen. Dennoch gab es um die Jahrtausendwende nur noch wenige traditionelle Spieler der kaval in den Dörfern der aus Bulgarien zugewanderten Griechen. Die in der Region verwendeten kaval stammen aus bulgarischer Produktion.cite-ref-46[46]
Eine Besonderheit des kaval-Spiels in Thrakien ist das legatissimo Spiel, bei dem fast alle Töne stark gebunden werden. Anstatt den Luftstrom zwischen den Tönen kurz zu unterbrechen, werden manchmal kurze Wechselnoten eingefĂŒgt. Diese Spieltechnik könnte von der Sackpfeife gajda angeregt worden sein, die bauartbedingt stets mit einer ununterbrochenen Luftzufuhr gespielt wird. Vom relativ groĂen Tonumfang der kaval verwenden die thrakischen Musiker ĂŒberwiegend nur die Töne der zweiten Oktave und hiervon nicht alle Halbtöne. Die auf der kaval gespielten Volkslieder basieren auf insgesamt sechs Gebrauchsleitern, von denen zwei den gröĂten Anteil haben. Die Intervallabfolge dieser beiden Gebrauchsleitern ist mit derjenigen des dorischen Modus und des tĂŒrkischen Makams HĂŒseyni verwandt. Diese Skala ist zugleich die in der gesamten griechischen Volksmusik am hĂ€ufigsten verwendete.cite-ref-47[47]
Typisch fĂŒr die gesamte Volksmusik des Balkans ebenso wie fĂŒr die tĂŒrkische und arabische Musik sind Melodien mit stufenweisen Fortschreitungen, die hĂ€ufig mit Glissandi gespielt werden. Zu den Melodiegestaltungen bei der kaval in Thrakien, die auch in Bulgarien vorkommen, gehören vor allem gewöhnliche Triller mit der nĂ€chsthöheren Nebennote oder mit einem Terzintervall und Doppelschlagtriller, mit denen lange Haltetöne verziert werden. Beim Vibrato wird der stets gestreckt und mit dem zweiten Fingerglied aufliegende Finger in rascher Folge leicht gekrĂŒmmt, sodass er sich etwas vom Griffloch abhebt. Weitere regelmĂ€Ăig eingesetzte Verzierungen sind Vor- und NachschlĂ€ge mit der benachbarten Nebennote, sowie Praller und Mordent (einmaliger kurzer Wechsel auf die nĂ€chsthöhere bzw. tiefere Note).cite-ref-48[48]
Die kaval verkörpert in Thrakien fĂŒr die Nachkommen der Einwanderer aus Bulgarien die alten BrĂ€uche der Heimat. Ein SchĂ€ferlied mit Flöte, das von einem Musiker in Thrakien O TsoutsouliĂĄnos (âDie Lercheâ) genannt wird, kommt mit Ă€hnlichem Inhalt unter anderen Namen (etwa als âGeschichte von den verlorenen Schafenâ) auch andernorts auf dem Balkan vor. Darin geht es um einen Hirten, der auf der Suche nach seinen verloren gegangenen Schafen ist und dabei ein melancholisches Lied auf der Flöte spielt. Sobald er in der Ferne weiĂe Steine erblickt, hĂ€lt er sie fĂŒr seine Schafe und spielt vor Freude etwas singathistĂłs (einen langsamen Paartanz der aus Bulgarien stammenden Griechen). Als er nĂ€her kommt und keine Schafe findet, fĂ€ngt er wieder an zu weinen. SchlieĂlich verwandelt ihn Gott in einen Vogel, eine Lerche, die am Himmel pfeift. So ist der Hirte bis heute eine Lerche, die ĂŒberall herumfliegt, pfeift und nach ihrer Schafherde sucht. Das in Thrakien gebrĂ€uchliche Wort fĂŒr âLercheâ, tsoutsoulianĂłs oder tsirtsiliĂĄgos, hat vermutlich eine lautmalerische Herkunft und bezieht sich auf das stĂ€ndige Pfeifen dieses Vogels. Durch die Verwandlung des Hirten wird auf der ErzĂ€hlebene eine Verbindung zwischen dem Klang der Flöte, Vogelgezwitscher und der menschlichen Stimme hergestellt. Diese thrakische Version der ErzĂ€hlung ist die einzige, in der nicht am Ende der Hirte seine Herde wiederfindet. Daniel Koglin (2002) deutet den traurigen Ausgang als Reflexion der verschwundenen alten Lebensformen und der bedeutungslos werdenden traditionellen Hirtenkultur in Griechenland.cite-ref-49[49]
In Nordgriechenland kann mit kavali auch die Kernspaltflöte souravli (sourouli, ÏÎżÏ
ÏαÏλÎč) bezeichnet werden. In manchen Gegenden Griechenlands ist der allgemeine Name fĂŒr SchĂ€ferflöten floyera, ansonsten wird eine kurze, etwa 30 Zentimeter lange SchĂ€ferflöte floyera, die manchmal auch solistisch zur Tanzbegleitung verwendet wurde, von der langen kavali (auch tzamara) unterschieden.cite-ref-50[50] In der zweiten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts verschwanden die SchĂ€ferflöten aus dem allgemeinen öffentlichen Musikleben Griechenlands, abgelöst von der aus der stĂ€dtischen Musikszene stammenden klarino (eine Klarinette mit Klappen), die zusammen mit Violine und Akkordeon gespielt wird. Die weitgehend verschwundenen kavali und floyera wurden zu Symbolen des einstigen traditionellen SchĂ€ferlebens.cite-ref-51[51]
Nordmazedonien und Serbien
Wie in Bulgarien ist in Nordmazedonien die kaval wegen ihres warmen Tons die beliebteste Flöte. Die kaval ist eine schrĂ€g angeblasene offene LĂ€ngsflöte, die in drei GröĂen mit ungefĂ€hr 65, 75 und 85 Zentimetern hergestellt wird.cite-ref-52[52] Nach anderen Angaben betragen die StandardlĂ€ngen etwa 69, 71 und 76 Zentimeter, selten auĂerdem 82 Zentimeter. Als Material dient das Holz junger EschenstĂ€mme, deren Durchmesser ungefĂ€hr 5 Zentimeter betrĂ€gt. Dieses wird bei der traditionellen Methode in einem Meter LĂ€nge aus der Spitze eines zehnjĂ€hrigen Baums gesĂ€gt, eine dreiviertel Stunde ĂŒber dem Feuer erhitzt und vorgetrocknet. Das Holz wird gerade gebogen, waagrecht eingespannt und mit einem Handbohrer auf einen Innendurchmesser von 15, 16 oder 17 Millimeter ausgebohrt. Mit einem Messer wird die Röhre auĂen dĂŒnnwandig zugerichtet und geglĂ€ttet. Die sieben Grifflöcher und ein Daumenloch werden oval (6Ă Ă 8 Millimeter) in gleichen AbstĂ€nden gebohrt, beginnend mit den zweitobersten Loch an der halben RohrlĂ€nge. Die mit AugenmaĂ vorgenommenen Bohrungen ergeben eine nicht-temperierte Stimmung bei nicht standardisierten Tonhöhen.cite-ref-53[53]
Entsprechend den kaval in Bulgarien, Griechenland und Albanien besitzen die mazedonischen kaval zwei bis vier weitere Löcher am fernen Ende, von denen das erste immer an der Unterseite der Spielröhre in Linie mit dem Daumenloch angebracht wird. Wie in Bulgarien (âTeufelslochâ) und Griechenland gibt es hierzu eine Legende, wonach der Teufel, als er zum ersten Mal die Flöte spielen hörte, neidisch wurde und, um sie zu zerstören, heimlich ein Loch in die Unterseite bohrte. Dadurch wurde der Klang der Flöte aber nur noch schöner und der Teufel geriet auĂer sich vor Zorn. Eine mehr praktische ErklĂ€rung ist die Spielposition der SchĂ€fer, die oftmals am Boden sitzen und das Rohrende einer langen Flöte auf dem Boden oder auf einem FuĂ aufstĂŒtzen.cite-ref-54[54]
Die mazedonische kaval ist ĂŒberwiegend ein Soloinstrument von Amateurmusikern und wird nur manchmal mit einer gleichartigen kaval, die einen Bordunton produziert, zusammen gespielt. Im Fall der paarweisen Verwendung gilt eine Flöte als âmĂ€nnlichâ und die andere als âweiblichâ. Weitere Hirtenflöten sind die rund 30 Zentimeter lange offene LĂ€ngsflöte ĆĄupelka mit sechs Grifflöchern und die Kernspaltflöte duduk. Die eher schrill klingende ĆĄupelka ist heute selten, hat aber eine lĂ€ngere Geschichte, die bis zu Knochenflöten zurĂŒckreicht.
Der serbische Volkskundler Jeremija M. PavloviÄ stellte 1929 eine ungewöhnliche Instrumentenklassifikation vor, als er die Sackpfeife gajda und die kaval den armen Leuten zuordnete, wĂ€hrend er die Kegeloboe zurla und die Trommel tapan als Instrumente der Reichen bezeichnete; wohl in der Annahme, die mit mehreren zurla und tapan bei Hochzeiten aufspielenden, professionellen Roma-Musiker wĂŒrden mehr Einnahmen erzielen als die mazedonischen Amateurmusiker mit kaval und gajda.cite-ref-55[55] TatsĂ€chlich gibt es eine klare kulturelle Trennlinie: Mazoedonische Roma-Musiker spielen nie dem bĂ€uerlichen slawischen Umfeld zugeordnete Musikinstrumente wie gajda und kaval.cite-ref-56[56]
Zum Volksglauben der SĂŒdslawen gehört die Vorstellung, dass die gesamte tierische und pflanzliche Natur und alle Dinge mit Sinnen ausgestattet sind. Den Menschen soll es möglich sein, mit der Naturwelt in Verbindung zu treten, was mit magischen BrĂ€uchen wie den Fruchtbarkeitszeremonien Paparuda oder German und allgemein mit einer Methode versucht wird, die sich âstumme Spracheâ (nemuĆĄti jezik) nennt. Mit der âstummen Spracheâ lassen sich, so wie es in ErzĂ€hlungen und Liedern beschrieben wird, in erster Linie alle groĂen Tiere und Vögel ansprechen, die auch untereinander auf diese Weise kommunizieren. Menschen erreichen die Tiere sprachlich am besten, wenn sie gewisse Töne und GerĂ€usche hervorbringen, die den Tierlauten nahekommen. Hilfreich ist die Verwendung einer kaval oder des einfachen Rohrblattinstruments diple. Die FĂ€higkeit zur stummen Sprache wird einem Menschen von ĂŒbernatĂŒrlichen Wesen (Gott, Teufel, Drache, Schlangenherrscher) in Menschengestalt geschenkt. Die Ahnen aus der Unterwelt blasen einem Schafhirten die stumme Sprache in den Mund als Dank fĂŒr dessen Hilfe oder Schlangen ĂŒbertragen diese FĂ€higkeit ohne irgendeine Aktion. Jemand kann einem SchĂ€fer die stumme Sprache ĂŒbertragen, indem er mit einer kaval in die Ohren oder dreimal in den Mund des SchĂ€fers blĂ€st. AnschlieĂend blĂ€st der SchĂ€fer dreimal zurĂŒck. Spucken durch eine Flöte ist eine weitere Möglichkeit, wie die Sprache zur VerstĂ€ndigung mit der Natur ĂŒbertragen werden kann. Vergleichbare magisch-animistische Vorstellungen sind weltweit in vielen Kulturen verbreitet.cite-ref-57[57]
Wie im sozialistischen Bulgarien gab es in den LĂ€ndern des frĂŒheren Jugoslawien eine staatliche Förderung der nationalen Volkskultur, zu der die Konstruktion einer Volksmusik mit professionellen oder halbprofessionellen Musikgruppen gehörte. Der so gebildeten Art von âEthno-Popâ stellte sich ab Ende der 1970er Jahre eine internationale Rockmusikszene entgegen.cite-ref-58[58] Der Zerfall Jugoslawiens in den 1990er Jahren in Einzelstaaten war von einer schweren politischen und wirtschaftlichen Krise begleitet, die in der Sprache und in anderen KulturĂ€uĂerungen eine zunehmende Regionalisierung und ethnische Spaltung bewirkte. Ungewöhnlich ist, dass zeitgleich in dieser Situation die zuvor in Serbien praktisch nicht verwendete kaval, die einen tĂŒrkischen Namen hat, der in der osmanischen Zeit auf dem Balkan verbreitet wurde, ĂŒber die ethnischen Grenzen hinweg in die serbische Musik Eingang fand. In dieser Erfindung von Tradition erscheint die kaval seit ungefĂ€hr dem Jahr 2000 als ReprĂ€sentant der serbischen Musik.cite-ref-59[59] Vor 1990 spielten serbische Musiker die kaval öffentlich nur in einem einzigen Dorf im Kosovo an der albanisch-mazedonischen Grenze, also weit entfernt von den Zentren der serbischen Volksmusikszene. Nach einem Bericht aus den 1960er Jahren gehörten die kaval und die kĂŒrzere ĆĄupelka zu den Instrumenten der Goranen (in der Gemeinde Dragash). Die Flöten wurden von MĂ€nnern solistisch oder paarweise gespielt, in letzterem Fall ergĂ€nzte die zweite Flöte einen Bordunton. Ein SĂ€nger wechselte strophisch zwischen Flöte und Gesangsstimme.cite-ref-60[60] Im Kosovo ist die kaval tatsĂ€chlich ein altes Hirteninstrument und findet sich auf einer Wandmalerei in der serbisch-orthodoxen Kirche im Dorf DrajÄiÄi (Gemeinde Prizren) aus dem 17. Jahrhundert.cite-ref-61[61] WĂ€hrend der sozialistischen Zeit waren in Serbien praktisch nur kaval-Spieler aus Mazedonien bekannt, ihre Musik war auf TontrĂ€gern erhĂ€ltlich und wurde im Rundfunk gesendet.
Als Auslöser fĂŒr die EinfĂŒhrung der kaval gilt eine Bewegung von bildenden KĂŒnstlern und SĂ€ngern in Belgrad, deren einigende Doktrin die Zusammengehörigkeit der ostchristlichen Kirchentradition â bestehend aus Ikonenmalerei, Fresken und kirchlichem Chorgesang â und deren KontinuitĂ€t ĂŒber die Zeit der osmanischen Herrschaft bis zum Byzantinischen Reich zurĂŒck postuliert. Musikalisch geht es bei diesem schlagwortartig âByzantinismusâ genannten PhĂ€nomen im Wesentlichen darum, eine byzantinische Malerei- und Gesangstradition wiederzubeleben. 1993 traten in Belgrad ein kirchlicher Frauenchor und ein MĂ€nnerchor unter dem Namen âJohannes von Damaskusâ mit diesem Anspruch auf. In diese Phase gehört die BeschĂ€ftigung der Gruppe mit traditionellen Malmethoden fĂŒr die Kirchenmalerei und das durch Tonaufnahmen mazedonischer Musiker geweckte Interesse an der kaval. Das Spiel mazedonischer Volksweisen und Improvisationen (ezgije) auf der kaval fand zunĂ€chst im Anschluss an die regulĂ€ren Gottesdienste im Umfeld der Kirche statt und ĂŒbte auf die Anwesenden ein starkes GefĂŒhl von Zusammengehörigkeit im Glauben aus.cite-ref-62[62]
FĂŒr die serbisch-mazedonische Musizierweise werden immer zwei gleiche kaval hergestellt, um sie zusammen spielen zu können. Ein Musiker spielt mit der âmĂ€nnlichenâ kaval die Melodie, der zweite fĂŒgt mit der âweiblichenâ Flöte einen langgezogenen Bordunton hinzu. Der Bordunklang kommt zwar auch in anderen Volksmusiktraditionen auf dem Balkan vor, charakterisiert aber besonders das mazedonische kaval-Spiel, das hierĂŒber mit dem byzantinischen Kirchengesang verbunden ist. Mit ihrer chromatischen Tonfolge von beinahe drei Oktaven, den klanglichen Variationsmöglichkeiten und tonalen Feinabstufungen erscheint die kaval auĂerdem als geeignet fĂŒr die Skalen des byzantinischen Kirchengesangs, denn bei gleicher Fingerposition kann bei der kaval durch VerĂ€nderung des Blasdrucks die Tonhöhe variiert werden.
Manche serbische Musiker sehen die Flöte als ein Mittel zur religiösen Andacht und erklĂ€ren, die kaval habe die FĂ€higkeit zu sprechen, weshalb fĂŒr sie deren Spiel zu einer Form von Gebet wird. Parallelen hierzu sind die Verwendung der Flöte ney in mystisch-sufischen Ritualen in der TĂŒrkei (sema, Gottgedenken durch Musik) und ferner das Flötenspiel in anderen kultischen Praktiken.cite-ref-63[63] Auch auf dem Balkan spielten sufische Derwische frĂŒher die kaval bei ihren religiösen Versammlungen, in Sarajevo bis in die 1960er Jahre.cite-ref-64[64] Die RifÄÊżÄ«ya-Derwische in Mazedonien nannten ihre rituell verwendete Flöte ny.cite-ref-65[65] Ăber die Musik hinaus wird in Serbien der (mazedonischen) kaval eine symbolische Rolle bei der Vergewisserung der nationalen IdentitĂ€t und der Fundamentierung von deren orthodoxer Tradition im frĂŒhchristlichen Byzanz zugesprochen.cite-ref-66[66]
Im serbisch-montenegrinischen Beitrag zum Eurovision Song Contest 2004 des serbischen PopsĂ€ngers Ćœeljko JoksimoviÄ, Lane moje, taucht die kaval in mystischer Ăberhöhung als Nationalinstrument des christlichen Serbien in der Eröffnungssequenz und wĂ€hrend der gesamten BĂŒhnenshow prominent in der NĂ€he des SĂ€ngers auf.cite-ref-67[67] Mit der hier aus dem ĂŒberwiegend muslimischen Kosovo stammenden kaval wird der Kosovo als angebliches serbisches Kernland prĂ€sentiert. Durch dieses Eurovisionslied wurde die kaval in ganz Serbien populĂ€r und wird seitdem hĂ€ufig in einer neotraditionellen serbischen Volksmusik eingesetzt.cite-ref-68[68]
Albanien
Zur Musik der Hirten in Albanien gehören einige Blasinstrumente, darunter abgesehen von den Flöten in Nordalbanien die aus zwei Spielröhren mit EinfachrohrblĂ€ttern bestehende zumare (verwandt mit der arabischen zummÄra) mit einem einzelnen Schallbecher aus Tierhorn. Zu einer Sackpfeife umgebaut heiĂt dieses Instrument bishnica oder mishnica. In der sĂŒdalbanischen Volksmusik kommen das einzelne Rohrblattinstrument pipeza und die von den NachbarlĂ€ndern ĂŒbernommene Sackpfeife gajde vor. Der hĂ€ufigste und landesweit bekannte Name fĂŒr albanische LĂ€ngsflöten ist fyell, mit dem auch die lange offene Flöte bezeichnet wird, die in der sĂŒdlichen LandeshĂ€lfte kaval (oder kavall) genannt wird. In der Region LabĂ«ria im SĂŒdwesten heiĂen Flöten njijare oder cule. Kernspaltflöten im SĂŒden werden duduk genannt, im Norden bilbil oder fyelldrejti. Doppelflöten sind in LabĂ«ria als culedyjare und in Nordalbanien als binjak bekannt.
Auf der Flöte vorgetragene nichtmetrische Melodien aus der Hirtentradition sollen nach der Vorstellung mancher SchÀfer die Herden beruhigen oder in die richtige Richtung lenken. Neben diesem solistischen Spiel zur eigenen Unterhaltung werden gelegentlich im familiÀren Kreis Flöten zur Begleitung von GruppentÀnzen eingesetzt.cite-ref-69[69]
In der osmanischen Zeit spielten professionelle Musiker, die hauptsĂ€chlich Roma waren, in MilitĂ€rkapellen (MehterhĂąne). Weitere stĂ€dtische Musikgruppen professioneller, in Gilden (esnafe) organisierter Musiker bestanden etwa in der sĂŒdalbanischen Stadt Berat aus Violine, kaval, Langhalslaute saz, dreisaitiger Laute jongar und Kastenzither kanun.cite-ref-70[70] In Shkodra in Nordalbanien trat in der osmanischen Zeit ein Ă€hnliches Gesangs- und Instrumentalensemble bestehend aus professionellen mĂ€nnlichen Musikern zur Unterhaltung bei gesellschaftlichen AnlĂ€ssen auf. Der aheng genannte Ensembletyp spielte im 19. Jahrhundert auf tĂŒrkischen makam (hier perde genannt) basierende Melodien mit Violine, saz, Rahmentrommel (derf) und Gesang, manchmal erweitert um kaval, Klarinette und Akkordeon.cite-ref-71[71]
Ein besonderes Flötenensemble existiert heute in der abgelegenen Kleinstadt Gramsh. Die in SĂŒdalbanien gepflegte Iso-Polyphonie, eine Form des mehrstimmigen Gesangs, wird von 18 bis 20 Hirtenmusikern auf Flöten ĂŒbertragen. Die kaval dieses Ensembles werden den Gesangschören entsprechend in Melodie- und Borduninstrumente aufgeteilt.cite-ref-72[72]
TĂŒrkei
In der TĂŒrkei werden alle Hirtenflöten aus Holz, Pflanzenrohr, Knochen oder Metall (meist Messing) als kaval bezeichnet, im Besonderen die beidseitig offenen LĂ€ngsflöten. Die tĂŒrkischen kaval haben fĂŒnf oder mehr Grifflöcher und ein Daumenloch; bei allen langen tĂŒrkischen Flöten wird, wie bei den bulgarischen kawal, die effektive SchwingungslĂ€nge nicht durch das Rohr, sondern durch zusĂ€tzliche Luftlöcher am unteren Ende begrenzt. Ein Kernspaltflötentyp mit oder ohne SchnabelmundstĂŒck heiĂt in der TĂŒrkei dĂŒdĂŒk. Andere ĂŒberregionale Blasinstrumente sind die Kegeloboe zurna und das zylindrische Doppelrohrblattinstrument mey. Lediglich in regionalen Volksmusikstilen vorkommende Blasinstrumente sind die kleine Bambusklarinette sipsi in den sĂŒdtĂŒrkischen Provinzen Burdur und Antalya, weiter östlich in der zentralen TĂŒrkei die gedoppelte Rohrpfeife arghul (auch çifte) und in der Schwarzmeerregion im Nordosten die Sackpfeife tulum.cite-ref-73[73]
Der osmanische Schriftsteller Evliya Ăelebi (1611 â um 1683) gibt in seinem Reisebuch SeyahatnĂąme die zu seiner Zeit ausfĂŒhrlichste Darstellung der im Osmanischen Reich gelĂ€ufigen Musikinstrumente. Die kaval (hier qawÄl) beschreibt Ăelebi als das erste Musikinstrument, das von Pythagoras erfunden und in dessen Hochzeitsnacht gespielt worden sei. Die Flöte habe neun Grifflöcher und in Istanbul gĂ€be es 100 Flötenspieler. Der tĂŒrkische Musikwissenschaftler RĂąuf YektĂą Bey (1871â1935) erklĂ€rt in einem 1922 in der von Albert Lavignac herausgegebenen EncyclopĂ©die de la musique et dictionnaire du conservatoire erschienenen Beitrag die kaval zu einem sehr primitivem Instrument, das falsche Töne produziere. Er fĂŒhrt aus, die kaval habe sechs bis sieben Fingerlöcher und ein Daumenloch und werde von anatolischen SchĂ€fern auf der Weide gespielt.cite-ref-74[74] Die Spielhaltung der Flöte im 18. Jahrhundert â unverĂ€ndert bis heute schrĂ€g nach unten zur linken Seite â ist auf einer Miniatur in der Handschrift Surname-i Vehbi zu sehen, die einen SchĂ€fer mit einer langen kaval zeigt.cite-ref-75[75]
Lange randgeblasene Hirtenflöten
Zur Unterscheidung nach Klangerzeugung, Material, GröĂe oder Verwendung tragen die unterschiedlichen Flötentypen einen Namenszusatz. Dilsiz kaval (âstumme Flöteâ, also ohne Zunge) oder damaksız kaval (âgaumenlose Flöteâ) werden alle randgeblasenen kaval ohne Kernspalt genannt, um sie von den Kernspaltflöten dilli kaval (âmit Zungeâ) zu unterscheiden. Eine kamıà kavalı (âGrashalmflöteâ) ist eine Flöte aus Pflanzenrohr, wozu unter anderem Schilfrohre (Phragmites), Simsen (Scirpus) und Igelkolben (Sparganium) gezĂ€hlt werden. Nach dem Material sind auch die çam kavalı (âKiefer-kavalâ) und die madenı kavalı (âMetall-kavalâ) benannt. Wie bei anderen Instrumententypen bezeichnet cura kavalı eine kleine Form der Flöte, ferner bedeuten orta âmittel(groĂ)â und tam âvollstĂ€ndigâ, also groĂ.cite-ref-76[76]
Die lange einteilige Hirtenflöte, die den schrĂ€g gehaltenen, randgeblasenen Flöten auf dem Balkan entspricht, ist als çoban kavalı (âSchĂ€fer-kavalâ) bekannt und misst etwa 80 Zentimeter. In der Provinz Burdur werden Flöten traditionell hĂ€ufig aus Wacholder, bei den YörĂŒk an der sĂŒdlichen MittelmeerkĂŒste der TĂŒrkei auch aus Birnbaum oder Pflaumenholz angefertigt. Eine solche Flöte, die von den YörĂŒk hergestellt wurde und sich im ethnographischen Museum in Adana befindet, ist 84 Zentimeter lang und hat einen Innendurchmesser von 15 Millimetern. Das erste von drei Schalllöchern befindet sich bei diesem Exemplar an der Unterseite 68,8 Zentimeter von der Einblasöffnung entfernt, das zweite an der Oberseite ist 75,5 Zentimeter und das dritte Loch seitlich ist 78,5 Zentimeter entfernt. Falls diese Löcher von geringem Durchmesser sind, verĂ€ndern sie nicht die Tonhöhe, sondern den Klang, indem sie eine Verringerung der Obertöne bewirken.
Bei den YörĂŒk heiĂt diese Flöte kuval. Sie wird in einem Winkel von etwa 20° zur Seite und mit einer Kante des MundstĂŒcks zwischen den halb geöffneten Lippen hĂ€ufig bis an die beinahe geschlossenen ZĂ€hne gehalten. Der breite Luftstrom ist gegen die andere Kante gerichtet und kann durch Ănderung des Anblaswinkels gesteuert werden. Die lange kaval wird meist ĂŒberblasen, sodass bei einer geringen Luftmenge der erste Partialton fast stĂ€ndig und der zweite Partialton zumindest gelegentlich zu hören ist. Hierbei tönt die Duodezime stĂ€rker als der â leicht erhöhte â Grundton und die Oktave. Das wie in Bulgarien von den Musikern angestrebte Klangbild, mit dem sich die kaval von einer âgewöhnlichenâ (Kernspalt-)Flöte dĂŒdĂŒk unterscheidet, wird in Zentralanatolien kaval horlatma genannt: âdie kaval zum Schnarchen bringenâ.cite-ref-77[77] Kaval spielende Hirten sind angehalten, diesen besonderen Flötenklang zu beherrschen, weil er der Kommunikation mit den Schafen diene, so heiĂt es.cite-ref-78[78]
Die lange einteilige kaval ist in der TĂŒrkei das typischste Hirteninstrument, das bei den halbnomadischen YörĂŒk eine besondere WertschĂ€tzung erfĂ€hrt. Viele ErzĂ€hlungen handeln von der kaval als Signalinstrument, um mit bestimmten melodischen Motiven die Schaf- oder Ziegenherden zu beruhigen, zusammenzutreiben oder auf eine andere Weide zu fĂŒhren. Eine in Anatolien weithin bekannte HirtenerzĂ€hlung mit dem Namen Karakoyun (âschwarzes Schafâ) hat folgenden Inhalt: Ein armer Hirte hĂ€lt beim reichen Herdenbesitzer um die Hand seiner Tochter an. Anstatt rundweg abzulehnen, stellt der Herr dem Hirten eine Aufgabe, von der er glaubt, dass sie nicht zu erfĂŒllen sei. Der Hirte solle seine Schafe sechs Tage lang nur mit Salz fĂŒttern und ihnen kein Wasser geben. Wenn er sie dann freilĂ€sst, soll er sie mit seiner Flöte daran hindern, wegen ihres groĂen Durstes zur TrĂ€nke zu laufen. Der Hirte spielt eine so schöne Melodie auf der Flöte, dass die Schafe ihr gebannt lauschen und gewinnt dadurch die Tochter zur Frau.cite-ref-79[79]
Auf der kaval gespielte Hirtenmelodien werden nach Verwendung und Stimmungslage unterschieden. Bei den YörĂŒk gibt es yĂŒksek hava, âhohe Luft/Melodienâ in schnellem Tempo, die RingkĂ€mpfe (yaÄlı gĂŒreĆ) begleiten. Senir havası und aman havası sind ruhigere gefĂŒhlvolle Melodien, die den Klageliedern (aÄıt) nahestehen. Klagemelodien (aÄıt hava) werden in langsamem Tempo gesungen und auf der kaval in der tiefen Tonlage gespielt. Der Brauch der YörĂŒk, am Grab eines Verstorbenen auf der kaval Klagelieder zu spielen, stammt nach Laurence Picken (1975) aus vorislamischer Zeit.cite-ref-80[80] Zum Repertoire der kaval-Spieler (kavalcı) gehören auch zeybek havası. Zeybek ist ein MĂ€nnertanz in der SĂŒdwesttĂŒrkei. In der dortigen Provinz Burdur sind die ansonsten uzun hava genannten Lieder als gurbet havası (âHeimweh-Melodieâ) oder als guval havası bekannt (guval von kaval). In der OsttĂŒrkei, in der Umgebung von Malazgirt kennen kaval-Spieler eine bĂŒlĂŒr genannte Melodie. Das Wort verweist auf die kurdische Flöte bilĂ»r und auf die armenische Flöte blul.cite-ref-81[81]
Bei der etwa 80 Zentimeter langen, dreiteiligen Hirtenflöte (ĂŒĂ§ parçali kaval) befinden sich die Fingerlöcher im mittleren Abschnitt und das Daumenloch ist in der NĂ€he des ersten Fingerlochs angebracht. Die Abmessungen sind nicht festgelegt, sodass das erste Schallloch bei einem (in Kepsut hergestellten) Exemplar 2,5 Zentimeter vom untersten Fingerloch entfernt und bei einem anderen Exemplar (aus der Gegend von Akhisar) 9 Zentimeter entfernt gemessen wurde. Beide Flöten produzieren ohne Ăberblasen eine chromatische Tonfolge bis etwa eine Quinte ĂŒber dem Grundton.
HĂ€ufig wurden frĂŒher dreiteilige Flöten aus Holz (Buchsbaum, Aprikosenholz) ohne Drechselbank hergestellt. Einfache DrechselbĂ€nke wurden nach dem Prinzip des Fiedelbohrers von Hand mit einem 90 Zentimeter langen Schnurbogen (yay) diskontinuierlich angetrieben. Die Konstruktion war auf dem Boden montiert und der Handwerker fixierte das Drechselmesser (arde) mit beiden FĂŒĂen. Eine solche Drechselbank wurde auch verwendet, um die einseitig eingespannte Spielröhre auszubohren. So ausgestattete WerkstĂ€tten fĂŒr dreiteilige kaval befanden sich unter anderem in Ankara, Edirne und Eskipazar.cite-ref-82[82]
FĂŒr in gröĂerer Zahl auf motorgetriebenen DrechselbĂ€nken angefertigte kaval sind Gaziantep das Stadtviertel EminönĂŒ von Istanbul traditionelle Herstellungszentren. Die Provinz Gaziantep ist das bekannteste Zentrum fĂŒr die Massenanferigung von Flöten und Rohrblattinstrumenten in der OsttĂŒrkei und versorgt den gesamttĂŒrkischen Markt mit Musikinstrumenten fĂŒr Hirten und Bauern sowie mit Kinderinstrumenten. FĂŒr die Herstellung wesentlich ist das regional verfĂŒgbare Aprikosenholz. Die SpezialitĂ€t von Gaziantep unter den Flöten ist die kinlı kaval (âFlöte mit Scheideâ), die dem Namen nach mit einem Futteral ausgeliefert wird. Die kinlı kaval besitzt zusĂ€tzlich zu den sieben Fingerlöchern und dem Daumenloch zwei Schalllöcher seitlich am unteren Ende. Das erste (obere) Schallloch begrenzt die maximale SchwingungslĂ€nge und das zweite Schallloch vermindert den Klang der Obertöne. Durch die enge zylindrische Bohrung werden die zweiten bis fĂŒnften Partialtöne verstĂ€rkt. In Verbindung mit relativ kleinen Grifflöchern entsteht ein weicher und feiner Ton. Die HolzoberflĂ€che wird mit ringförmig eingeritzten Rillen und einem gelblichen LackĂŒberzug versehen. Das Futteral aus Weidenholz ist stark gerillt und mit mehrfarbigen Ringen bemalt.cite-ref-83[83]
Die cura kavalı (âkleine kavalâ) ist eine kĂŒrzere Variante der çoban kavalı, die nach 1962 in Gaziantep gemessenen Exemplaren in den drei LĂ€ngen 49, 54 und 58 Zentimeter hergestellt wird. Der Namenszusatz cura steht in Bezug zur 80 Zentimeter langen çoban kavalı, die als Standard bei den SchĂ€ferflöten gilt. Manche Hirten bevorzugen lange Flöten aus Metall, madeni kaval (âMetall-kavalâ) oder nach dem hĂ€ufigsten Metall pirinç kaval (âMessing-kavalâ). Bei einem in Istanbul verkauften Typ betrĂ€gt der Durchmesser des Messingrohrs 16 Millimeter mit einer WandstĂ€rke von 2 Millimetern. Nach einem Bericht gab es 1937 in Sivas Messingflöten mit 75 Zentimeter LĂ€nge und 15 Millimeter Durchmesser.cite-ref-84[84]
Kernspaltflöten
Kernspaltflöten mit Grifflöchern sind in der TĂŒrkei als dilli kaval (âZungen-kavalâ), damaklı kaval (âGaumen-kavalâ), dilli dĂŒdĂŒk oder nur dĂŒdĂŒk bekannt. In Aserbaidschan heiĂen sie tutek. Sie gelten als Instrumente fĂŒr ungeĂŒbte Spieler, wĂ€hrend geĂŒbte Musiker randgeblasene Flöten bevorzugen. Nach ihrer GröĂe werden zwei Flötentypen unterschieden. Zum einen Typ gehören bis zu 35 Zentimeter lange Flöten mit einem relativ groĂen Innendurchmesser. HĂ€ufiger ist ein Flötentyp mit einer relativ kleinen Bohrung, der in LĂ€ngen von 31 bis 80 Zentimeter vorkommt und mindestens zwei Luftlöcher am unteren Ende besitzt. Eine kurze damaklı kaval aus der Provinz Kastamonu ist durch eine weit hervortretende AusstĂŒlpung mit mehreren gedrechselten Rillen im oberen Drittel gekennzeichnet. Die Flöte hat bei 30,7 Zentimetern GesamtlĂ€nge eine akustische LĂ€nge von 27,5 Zentimetern und einen Innendurchmesser von 8 Millimetern. Das Daumenloch befindet sich an der Unterseite gegenĂŒber der Mitte zwischen dem ersten und zweiten Griffloch, das siebte Griffloch sitzt knapp vor dem unteren Ende.cite-ref-85[85] Die tĂŒrkischen Kernspaltflöten haben meistens keinen Schnabel, sondern ein gerades oberes Ende, das bis auf einen Spalt als Luftkanal mit einem Holzpfropf verschlossen ist.cite-ref-86[86]
Als traditionelles Zentrum fĂŒr die Herstellung von langen Kernspaltflöten, die wegen ihrer hohen QualitĂ€t geschĂ€tzt werden, gilt Tokat. Sie werden aus Pflaumenholz gefertigt und mit Ringen aus Buchsbaumholz verziert. Neben Instrumenten in voller LĂ€nge gibt es eine GröĂe mit 40 bis 50 Zentimeter langen Flöten (uzun dilli kaval), die ebenfalls zwei untere Schalllöcher besitzen. Diese Flöten erreichen durch Ăberblasen die Partialtöne der Oktave, aber nur schlecht die höheren.cite-ref-87[87]
Ein einfacher Flötentyp ist eine kurze Kernspaltflöte aus einem am unteren Ende durch einen Wachstumsknoten geschlossenen Pflanzenrohr mit zwei bis fĂŒnf Fingerlöchern und einem Daumenloch. Das obere Ende ist schnabelförmig angeschrĂ€gt. Ein Block aus Weidenholz leitet die Blasluft zur Schneidenkante an der Oberseite. Diese dilli kamıà kavalı (âZungen-Rohr-kavalâ) oder kamıà dĂŒdĂŒÄĂŒ (âRohr-Pfeifeâ) wurde hauptsĂ€chlich fĂŒr Kinder angeboten. In den 1960er Jahren war die mutmaĂlich nur in der Provinz Hatay hergestellte Rohrflöte in der gesamten TĂŒrkei verbreitet.cite-ref-88[88]
Herkunft und Spielweise
Die stets aus Holz gefertigte kaval gehört nach wie vor zur Tradition der Hirten, im Unterschied zur Rohrflöte ney, die in der tĂŒrkischen Kunstmusik gespielt wird und einen Ruf als religiöses Musikinstrument genieĂt, seit sie im 13. Jahrhundert vom Sufi-Orden der Mevlevi in die Ritualmusik ĂŒbernommen wurde. Dennoch gibt es jenseits der unterschiedlichen musikalischen Verwendung und des anderen Materials Verbindungen zwischen kaval und ney. Ein in Gaziantep hergestellter Flötentyp mit einer zylindrischen Holzröhre gelangte als ney in den Handel und manche kaval werden in einer definierten LĂ€nge hergestellt, die auf das traditionelle LĂ€ngenmaĂ der ney bezogen ist.cite-ref-89[89] Das Rohr fĂŒr die ney wird auf eine LĂ€nge von neun Internodien abgeschnitten und, wie Kurt Reinhard (1984) vermutet, nach alten zahlenmystischen Vorstellungen in 26 Abschnitte eingeteilt, aus denen sich die Anordnung der Grifflöcher ergibt. Solche auĂermusikalischen Beziehungen, die bis nach China reichen, verweisen auf das hohe Alter der ney.cite-ref-90[90]
Laurence Picken (1975) fĂŒhrt die Verwendung von Holz bei der kaval anstelle von Pflanzenrohr, das in der Naturumgebung der SchĂ€fer reichlich vorkommt, auf einen westeuropĂ€ischen Einfluss zurĂŒck. Möglicherweise wollten die tĂŒrkischen Flötenbauer mit ihren technischen FĂ€higkeiten an der Drechselbank die im 18. Jahrhundert aus Westeuropa eingetroffenen, aufwendig dekorierten Flöten nachahmen. Dies ist zumindest fĂŒr die Kernspaltflöten zu vermuten, von denen sich in den östlichen NachbarlĂ€ndern weniger Parallelen finden lassen als bei den langen randgeblasenen Flöten. Formdetails an einigen tĂŒrkischen Kernspaltflöten erinnern an die Zeichnungen von Blockflöten im 1619 veröffentlichten Syntagma musicum des Michael Praetorius. Noch mehr Ăhnlichkeiten bestehen zwischen tĂŒrkischen dĂŒdĂŒk-Typen und Blockflöten aus dem 18. Jahrhundert. Im 18. und frĂŒhen 19. Jahrhundert wurde Buchsbaumholz aus der TĂŒrkei unter dem Namen âtĂŒrkischer Buchsâ zum Bau von Holzblasinstrumenten nach England exportiert, was es wahrscheinlicher macht, dass von dort in umgekehrter Richtung Flöten die TĂŒrkei erreichten.cite-ref-91[91]
Eine spieltechnische Gemeinsamkeit zwischen der randgeblasenen kaval und der ney ist die fĂŒr eine Flöte der Kunstmusik ungewöhnliche mehrstimmige kaba-Spielweise. Zur Musik der Mevlevi-RitualtĂ€nze gehört bis heute der obertonreiche Flötenklang und da viele ney-Spieler des Mevlevi-Ordens auch im Orchester des Sultans auftraten, verbreiteten sie ihren Stil in der weltlichen Kammermusik des gesamten Osmanischen Reiches. Die kaval kann wahlweise einen ârauenâ (kaba) und âfeinenâ (ince) Klang erzeugen und entzieht sich damit der ĂŒblichen Einteilung, wie etwa bei den unterschiedlich gebauten und klingenden tĂŒrkischen Doppelrohrblattinstrumenten zurna (laut, schrill) und mey (leise, weich).cite-ref-92[92]
Die kaval-Flötentypen sind unter den Hirten in der gesamten TĂŒrkei verbreitet, mit Ausnahme einer Region im Nordosten, in der Hirten die Sackpfeife tulum spielen.cite-ref-93[93] Trotz der Vielzahl an regional unterschiedlichen GröĂen und Formen bestehen einige grundlegende Gemeinsamkeiten in der Spielweise. Die çoban kavalı und die meisten anderen tĂŒrkischen Flöten haben sieben Fingerlöcher und ein Daumenloch. Alle tĂŒrkischen randgeblasenen Flöten und Kernspaltflöten werden mit der gleichen Grifftechnik gespielt. Mit Zeigefinger, Mittelfinger und Ringfinger der oberen Hand (wahlweise der rechten oder linken Hand) greift der Spieler die ersten drei Löcher und mit allen Fingern der unteren Hand die weiteren Löcher. Die Grifflöcher werden mit der Innenseite der vorderen Fingerglieder abgedeckt. Gabelgriffe kommen praktisch nicht vor, die Tonhöhe und KlangqualitĂ€t wird stattdessen durch halbgeschlossene Grifflöcher und durch Ănderung des Blasdrucks beeinflusst. Auf den langen Flöten verwenden die Musiker ĂŒberwiegend die Partialtöne der ersten und zweiten Oktave, auf den kurzen Flöten dagegen meist das normale Register.
In vielen Regionen singen die Spieler auf der langen çoban kavalı zur Melodie einen tiefen Bordunton (Brummton) von verĂ€nderlicher Tonhöhe in die Flöte, jedoch nicht auf kurzen Flöten und Kernspaltflöten. Auch in Zentralasien ist es ĂŒblich, einen Brummton in LĂ€ngsflöten zu singen (etwa bei der tĂŒidĂŒk).cite-ref-94[94] Die kaval wird fast ausschlieĂlich als Soloinstrument eingesetzt, ansonsten abwechselnd mit einer Gesangsstimme (der Stimme des Spielers). Der Musiker Halil Bedii Yönetken (1899â1968) trug zwischen 1937 und 1954 eine bedeutende Sammlung anatolischer Volkslieder zusammen.cite-ref-95[95] Zur sozialen Einordnung der kaval verweist Laurence Picken (1975) auf Yönetken, der erwĂ€hnt, dass er in Sivas die schönsten Aufnahmen mit kaval-Spielern im dortigen GefĂ€ngnis machte.
Gelegentlich spielte in den 1960er Jahren die SchĂ€ferflöte kaval in manchen StĂ€dten zusammen mit der Langhalslaute saz in Volksmusikensembles zur Tanzbegleitung, Ă€hnlich wie zuvor in den KaffeehĂ€usern von Istanbul die heute verschwundene Adlerknochenflöte çıÄırtma verwendet wurde. Bei diesen EnsembleeinsĂ€tzen der kaval handelte es sich nie um eine lange Hirtenflöte, sondern stets um eine kurze randgeblasene Flöte oder um eine kurze Kernspaltflöte ohne gesungene Bordunstimme.cite-ref-96[96] LĂ€ndliche Volksmusikensembles bestanden selten mehr als aus zwei Instrumentengattungen, lediglich die stĂ€dtischen fasıl-Orchester, die aus der osmanischen höfischen Musik des 17. Jahrhunderts hervorgegangen waren, bildeten eine Ausnahme. So spielte beispielsweise an der östlichen SchwarzmeerkĂŒste bei Festen in einem Dorf die Sackpfeife tulum, in einem anderen Dorf die Streichlaute Karadeniz kemençesi und in einem weiteren die kaval. Erst ab den 1930er Jahren wurden gröĂere Ensembles fĂŒr die Volksmusik geschaffen, bis hin zu neuen, mit Popmusik verbundenen Volksmusikformen in den 1980er Jahren wie etnik und özgĂŒn mĂŒzik.cite-ref-97[97]
Literatur
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Weblinks
Commons
: Kaval
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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âą Lyuben Dosev â Kaval Lessons. Youtube-Video
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Einzelnachweise
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